Das Weltgebäude

Das Weltgebäude.

Wenn wir in einer heitern Nacht hinaustreten in die freie Natur, dann fliegen unsere Blicke, von einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben, hinauf zu dem Firmamente, das sich in seiner ganzen Pracht über uns ausbreitet. Die Millionen Sterne mit ihrem hellstrahlenden Lichte und der Mond mit seinem sanften Silberglanze, sie fesseln unsere Blicke mit Zaubergewalt und führen uns mit unsichtbarer Macht zu Gefühlen und Betrachtungen, die wahrhaft beseligend für uns sind. Nicht aber hellleuchtende Kerzen am Weltendome, nicht prächtig strahlende Diamanten am Gewande der Nacht sind diese Sternenheere; nein! es sind Tausende von Welten, deren Lichtglanz auf uns herniederströmt. Welten an Welten reihen sich vor unsern Blicken; erschaffen durch Gottes Allmacht werden sie emporgehalten durch unsichtbare Wunderkräfte, und unaufhaltbar rollen sie dahin im weiten Weltenraume, von der Hand des Höchsten geleitet auf ihrer Bahn.

Tausende von Räthseln giebt uns dieser Riesenbau des Weltgebäudes zu lösen auf, und wenn es auch des Menschen Geist in seinem unermüdlichen Forschen nach Jahrhunderten gelang, so manches zu lösen, so werden doch noch Jahrtausende vergehn, bis der diese Geheimnisse verhüllende Schleier ihm ganz gelüftet wird.

Als die Welt noch in ihrer Kindheit war, da waren auch die Begriffe der Menschen von ihr noch die eines Kindes. Die Erde war ihre Welt, und der Punkt, wo sie sich befanden, der Mittelpunkt derselben. Den Himmel hielten sie für ein festes Gewölbe, eine hohle Halbkugel, deren Rand bis an den der scheibenrunden, gegen die Mitte hin sich erhebenden Erde ging. Die höchsten Berge trugen gleich riesigen Pfeilern den Himmel, einer unter ihnen ragte aber unter allen empor, um ihn her breiteten sich die Länder aus, und diese alle umschwebte ein unübersehbarer Wasserstrom, der Ocean. Unter der Erdscheibe war die Unterwelt oder das Todtenreich. Alles zusammen hatte die Form eines Eies.

Die Frage, worauf die Erde ruhe, wurde Anfangs nicht aufgeworfen, oder man dachte sie sich, wie einige südasiatische Völker annahmen, auf vier Elephanten, die sich nach den vier Himmelsgegenden wendeten, und diese wieder auf einer ungeheuern Schildkröte ruhend, das Ganze aber von der Weltschlange, dem Bilde der Ewigkeit umgeben (Taf. I Fig. 1).

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Sinnbildliche Darstellung der Welt

In Indien war der Himmelsberg Meru (vielleicht der Himalaya), auf seinem Gipfel war eine prächtige, vom Golde, aus dem sie gebaut war, erglänzende Stadt, in der die Götter ihren Wohnsitz hatten. Dieser heilige Berg wurde von Wasser umgeben, dann folgten andere Berge und unter ihm lag Patala, das Todtenreich.

Andere ließen die Erde von einem mächtigen Pfeiler tragen, ohne sich darum zu bekümmern, worauf dieser wieder ruhe. Sonne und Mond hielt man für hellleuchtende Lichter, die von Gottheiten geführt, dem Meere entstiegen. Von den Planeten hatte man ähnliche Begriffe, die Fixsterne dachte man sich aber nur als Oeffnungen in dem sich täglich von Osten nach Westen um die Erde drehenden Himmelsgewölbe, durch die das Himmelsfeuer durchschimmere.

Bei den Bewohnern Griechenlands trug nach den ältesten Mythen der Gott Atlas oder vielmehr der Berg gleichen Namens den Himmel, später aber that dies der Olymp. Auch auf seinem Gipfel war der Wohnsitz der Götter, ein prächtiger Palast, dessen Goldglanz die Augen blendete. Auch bei ihnen hatte die Erde die Form eines Eies. Die Sonne stieg aus dem Weltstrome empor und tauchte des Abends wieder in denselben hinunter.

Erst die griechischen Philosophen, vorzüglich Aristoteles, Plato, Anaxagoras, Anaximander, Epikur u. s. w. kamen der Wahrheit näher und brachten mehr Licht in diese Ansichten. Vorzüglich war es aber Claudius Ptolomäus im 2. Jahrhunderte nach Christi Geburt, der mit Sicherheit behauptete, daß, wie man schon früher vermuthet hatte, die Erde eine Kugel sei. Um diese bewege sich in sieben Bahnen zunächst der Mond, nach diesem folge Merkur, Venus, die Sonne, Mars, Jupiter und endlich Saturn, alle von der Form einer Kugel, in der achten Bahn aber waren die Fixsterne.

Lange Zeit verging, ehe diese Meinung einer richtigern weichen mußte. Erst Nikolaus Copernikus, geb. zu Thorn 1472, der anfangs Arzt, dann Canonikus zu Frauenburg in Preußen wurde, fand, daß sich Alles viel leichter in den Bewegungen der Himmelskörper erklären lasse, wenn man annehme, daß nicht die Erde, sondern die Sonne der Mittelpunkt sei, um welchen sich die Planeten und die Erde bewegen. Jedoch die aus einer damals so kühnen Behauptung für ihn leicht entstehenden unangenehmen Folgen befürchtend, stellte er sie als bloße Vermuthung auf, übergab sie schriftlich dem Papste Paul III. zur Prüfung, starb aber kurz darauf 1543 an einem Blutsturze. Dennoch erhielt diese Erklärung ihm zu Ehren später den Namen des copernikanischen Sonnensystems.

Später trat Galiläi (geb. 1564 zu Pisa in Toskana) auf, der zu Pisa und noch mehr später in Padua mit dem größten Beifalle als Professor Vorlesungen über Naturlehre und Mathematik hielt, und sich bald öffentlich für das copernikanische System erklärte. Allein man konnte diese Erklärung nicht in Einklang mit der heiligen Schrift bringen, namentlich mit der Stelle im Buche Josua 10, 12, wo es heißt: ,,Sonne stehe stil!“ Die Geistlichen, sogar der Papst Urban III. und mehrere Professoren traten daher gegen ihn auf, und es begann für ihn ein Zeitraum bitterer Leiden; denn auf seine über das copernikanische System 1630 geschriebene Schrift, wurde er, nachdem man ihn schon vorher feindselig verfolgt hatte, vor die Inquisition gefordert. Hier mußte er im Jahre 1633 auf den Knien die Wahrheiten, die er von der Bewegung der Erde gelehrt, nachdem man ihn vorher einige Monate gefangen gehalten, widerrufen. Zwar hatten die Qualen des Gefängnisses ihn sehr entkräftet, aber dennoch soll er mit verbissener Wuth beim Aufstehen auf die Erde gestampft und dabei heimlich die Worte ausgesprochen haben: „Und sie bewegt sich doch!"

Er wurde hierauf zur Kerkerstrafe verurtheilt, sein System, das der Bibel zuwider sei, verdammt, und jene Schrift verboten. Aus Gnade wurde ihm aber die Kerkerstrafe erlassen und man verwies ihn anfangs in den bischöflichen Palast zu Siena und bald darauf in das Kirchspiel Arceti bei Florenz. Hier beschäftigte er sich, selbst noch als er später blind und taub war und kein Schlaf des Nachts in seine Augen kam, da heftige Gliederschmerzen ihn quälten, mit Nachdenken über die Natur, bis er endlich im Jahre 1642 sein Leben, das so reich an Leiden war, endete.

Tycho de Brahe, ein Däne, geb. 1546, der anfangs in Dänemark, später Astronom bei dem Kaiser Rudolph in Prag war und daselbst 1601 starb, suchte zwar das alte System, nach dem die Erde still stehen und die Sonne sich bewegen sollte, wieder geltend zu machen, allein bald kam man, besonders durch Würdigung der von Johann Kepler (geb. 1571 im Würtenbergschen, gest. 1630 in Regensburg) aufgestellten Gesetze, auf das copernikanische als das einzige richtige zurück, und je mehr die Fernrohre und andere hierher gehörige Instrumente verbessert und verbreitet wurden, desto mehr gründete sich die Ueberzeugung von der Richtigkeit desselben. Es traten mehrere große Astronomen auf, von denen wir nur den Franzosen Cartesius (gest. in Stockholm 1650), den Engländer Newton (gest. 1727) und den Deutschen Wilhelm Herschel, geb. 1738 zu Hannover, nennen wollen, es wurden Sternwarten gebaut, kostbare Instrumente angeschafft, und so erhielt man denn nach und nach folgende Ansichten von dem Weltgebäude:

Die Sonne steht fest d. h. bewegt sich nicht um andere Körper, sondern nur um ihre eigene Achse. Um die Sonne herum bewegen sich aber die eilf uns bis jetzt bekannten Planeten, unter die wir auch die Erde mitzählen. Die Bahnen, die sie beschreiben, sind aber nicht kreisrund, sondern länglichrund (Ellipsen), und daher kommt es, daß die Sonne, die nicht ganz in der Mitte steht, bald näher, bald ferner ist, und daß man ihre Weite nach ihrer Nähe, Ferne und ihrem mittleren Abstande anzugeben hat. Indem sich die Planeten um die Sonne bewegen, drehen sie sich aber auch, wie sie, zugleich um ihre eigene Achse und um mehrere von ihnen bewegen sich wieder Nebenplaneten, die auch Monde genannt werden. Die eilf Planeten in der Reihenfolge, wie sie sich, von der Sonne aus gerechnet, um sie bewegen, sind aber: Merkur, dessen mittlerer Abstand von der Sonne etwa 8 Millionen geographische Meilen, und dessen Durchmesser etwa 572 Meilen beträgt; die Venus (mittl. Abstand 15 Mill. Meil., Durchm. 1833 Meil.); die Erde, um welche sich ein Mond bewegt, und die wir später näher betrachten werden; Mars (mittl. Abst. fast 32 Mill. Meil., Durchm. 1006 Meil.); Vesta, erst 1805 von Olbers entdeckt (mittl. Abst. etwa 49 Mill. Meil., Durchm. 59 Meil.); Juno, 1804 von Harding entdeckt (mittl. Abst. 55 Mill. Meil., Durchm. 309 Meil.); Ceres, 1801 von Piazzi entdeckt (mittl. Abst. fast 58 Mill. Meil., Durchm. 352 Meil.); Pallas, 1804 von Pallas entdeckt (mittl. Abst. fast 58 Mill. Meil., Durchm. 458 Meil.); der Jupiter übertrifft 1448mal die Erde an körperlichem Inhalte und alle Planeten mit der Erde zusammen noch um 1/3, es bewegen sich 4 Monde um ihn (mittl. Abst. 108 1/2 Mill. Meil.); Saturn, mit einem weißlichglänzenden Doppelringe umgeben, und 7 Monde bewegen sich um ihn (mittl. Abst. fast 198 Mill. Meil., Durchm. 16,290 Meil.); endlich der Uranus, 1781 von Herschel entdeckt (mittl. Abst. fast 398 Mil. Meil., Durchm. 7500 Meil.), begleitet von 8 Monden.

Wie diese Planeten, drehen sich nun noch die Kometen, die meist ebenfalls zur bestimmten Zeit wiederkehren, in sehr langen und schmalen elliptischen Bahnen um die Sonne. Außer allen diesen Himmelskörpern erblicken wir endlich noch eine Menge Sterne am weiten Himmelszelte, die aber im Allgemeinen von jeher denselben Stand zu einander behalten haben: sie heißen Fixsterne und sind in unermeßlicher Anzahl vorhanden. Schon seit langer Zeit theilte man diese Fixsterne in Sternbilder und gab ihnen Namen aus der römischen und griechischen Mythologie oder von Thieren, Werkzeugen u. s. w. Die einzelnen Sterne aber werden mit meist arabischen Namen oder griechischen Buchstaben bezeichnet. Eine unübersehbare Menge von Sternen, die, wahrscheinlich wegen ihrer großen Entfernung, uns sogar durch gute Fernrohre noch sehr klein erscheinen, bilden die Milchstraße, die uns als ein hellschimmernder Gürtel um das ganze Himmelsgewölbe erscheint.